Prostatitis / Prostatitissyndrom
Der Begriff „Prostatitis“ oder besser „Prostatitissyndrom“ beschreibt eine Vielfalt von unterschiedlichen Beschwerden im Bereich des männlichen Beckens. Unter der Ägide des National Institute of Health der USA (NIH) wurde eine international verbindliche Klassifizierung erarbeitet, die auch die Problematik des chronischen Beckenschmerzes einbezieht.
Aktuellen Studien zufolge klagen ca. 10 % aller Männer über Symptome aus diesem Bereich. Die Häufigkeit einer durch Bakterien hervorgerufenen Entzündung liegt aber lediglich bei ca. 7%. Bei allen anderen Patienten ist von einem entzündlichen Beckenschmerzsyndrom auszugehen, wobei nicht in allen Fällen die Prostata an dieser Erkrankung beteiligt sein muss.
In Deutschland handelt es sich um die häufigste urologische Diagnose bei Männern unter 50 Lebensjahren und stellt somit nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein erhebliches ökonomisches Problem dar. Die Diagnostik, die Behandlung und die damit verbundene Arbeitsunfähigkeit verursachen erhebliche gesamtgesellschaftliche Kosten.
Bei einer akuten bakteriellen Prostatitis handelt es sich um eine, meist durch Darmbakterien hervorgerufene, schwerwiegende allgemeine Entzündung der Prostata, die mit massiven Beschwerden beim Wasserlassen, Fieber, Schmerzen im Dammbereich und/oder Schüttelfrost einhergeht. Spontan oder nach einem ärztlichen Eingriff fließt bakteriell besiedelter Urin aus der Harnröhre in die Prostatagänge zurück und ruft diese Symptome hervor. Der erfahrene Urologe hat mit der korrekten und zeitnahen Diagnose dieser Entzündung (Tast- und Urinbefund) keine Schwierigkeiten und wird sofort hochdosiert antibakteriell behandeln. In ausgesprochen schweren Fällen können sich ein stationärer Aufenthalt mit der Anlage eines Bauchkatheters zur Urinableitung oder eine Operation erforderlich machen.
Eine chronische bakterielle Prostatitis kommt eher selten vor. Die Erreger und der Infektionsweg sind denen, der akuten Entzündung vergleichbar. Allerdings können bestimmte Bakterien spezielle Abwehrmechanismen gegen antibakterielle Medikamente (Antibiotika) entwickeln und hartnäckig wiederkehrende und schwer zu behandelnde Harnwegsinfekte auslösen bzw. unterhalten. Dies erfordert in der Regel eine spezifische medikamentöse Langzeitbehandlung, zum Teil über Monate. In Einzelfällen werden eine operative Verkleinerung (TUR-P) oder die Entfernung der Prostata (Adenomektomie) erforderlich.
In ca. 90 % aller „Prostatitis“- Fälle handelt es sich jedoch um ein chronisches Beckenschmerzsyndrom. Die Beschwerden werden nur selten durch Bakterien hervorgerufen. Meist können vielfältige andere Ursachen ermittelt werden. Diffuse Beschwerden werden von den betroffenen Männern oft der Prostata zugeordnet, ohne dass ein entsprechender Körperbefund erhoben werden kann. Das Symptom Schmerz steht dabei nicht im Vordergrund. Es wird häufig über ein „Druckgefühl“ und/oder „Brennen“ im Dammbereich bis zum Enddarm oder Kreuzbein, ein vermehrter Harndrang, ein verminderter Harnstrahl, ein „Ziehen“ in den Leisten bis in die Hoden, ein „Brennen“ in der Harnröhre, ein „Druckgefühl“ hinter dem Schambein, ein verzögertes Wasserlassen und/oder Nachträufeln oder Schmerzen vor/nach dem Samenausstoß berichtet.
Diese Beschwerden treten oft phasenweise auf, d.h. sie verschwinden nach einer bestimmten Zeit auch ohne Behandlung und kommen nach einer unbestimmten Zeit wieder. Mediziner bezeichnen das als „Somatisierungsstörungen“, d. h. es handelt sich um körperliche Symptome denen psychosoziale Konflikte zugrunde liegen. Die Beschwerden können real sehr belastend sein und keineswegs „eingebildet“. Sie haben im Urogenitalbereich oft muskulären Spannungscharakter (Beckenboden, Adduktoren, Levatoren). Als häufigste Ursachen finden sich eine Angststörung oder Depression, eine Enttäuschung und/oder Wut als Ausdruck der Verdrängung eines inneren Konflikts im Privatleben oder im Beruf.
Neben der fachärztlichen urologischen Diagnostik kommen der ausführlichen Erörterung der Lebenssituation des Mannes und dem klaren Herausarbeiten von individuellen Konfliktsituationen eine entscheidende Bedeutung zu. Begleitend dazu müssen die Themen Ernährung, Bewegung, Drogen, Affektabfuhr und Entspannung thematisiert werden. Neben physikalischen/physiotherapeutischen Therapieansätzen kann eine zusätzliche medikamentöse Behandlung mit Psychopharmaka unter Umständen hilfreich sein.
Die asymptomatische Infektion der Prostata verläuft in der Regel beschwerdefrei. Meist handelt es sich bei dieser Diagnose um einen Zufallsbefund im Sinne eines Keimnachweis in der Prostata und/oder in den Samenblasen im Rahmen von Operationen oder bei der Abklärung einer ungewollten Kinderlosigkeit. Über eine medikamentöse Behandlung sollte individuell entschieden werden.



